24 Stunden erreichbar

Kontakt

Ein Erfurter Unternehmen macht den Traum vom Lokführerdasein wahr

Kaum jemand will Lokführer werden. Ein Erfurter Unternehmen sucht händeringend nach Interessierten. Das Einstiegsgehalt liegt bei 15,50 Euro pro Stunde. Die Ausbildung dauert zehn Monate, davon sind die ersten sieben Monate Theorie.

05.02.2017 |

Erfurt. Den Blick permanent auf den großen Bildschirm gerichtet, sitzt Katrin Haesler im Lok-Führerstand. Ihr Fuß hebt und senkt sich, wie beim Arbeiten mit einer Nähmaschine. An ihrer Lok ziehen Bäume vorbei, Felder, Wiesen. Mit knapp 100 Kilometern pro Stunde rauscht sie über die Schienen.

Blickt sie nach links, sieht sie den Innenhof der ehemaligen Reichsbahndirektion in der Bahnhofstraße 23. Immer. Egal, wie viel Kilometer sie weiter gefahren ist.

Das Führerpult gehört zum Simulator der Firma Raildox, ein Eisenbahnverkehrsunternehmen, das 2008 gegründet wurde. "Am 28. November 2009 fuhren wir den ersten Zug", erinnert sich Raildox-Geschäftsführer Frank Rudolf. Die ersten Loks waren noch geliehen.

ittlerweile gibt es 66 Angestellte, das Unternehmen hat sich auf den reinen Güterverkehr spezialisiert - und auf die Ausbildung von Lokführern. "Schnell stellten wir fest, dass es zu wenig Triebfahrzeugführer am Markt gibt. So entschlossen wir uns 2012, eine eigene Schule zu gründen", erzählt Frank Rudolf. Ziel war es, hauptsächlich für das eigene Unternehmen auszubilden. Doch Raildox stellt nun auch anderen Firmen wie der Deutschen Bahn Lokführer zur Verfügung in Form einer Arbeitnehmerüberlassung.

Das Grundproblem besteht allerdings nach wie vor: "Es gibt viel zu wenig Interessenten", sagt Frank Rudolf. Kaum jemand wolle Lokführer werden. An der Vergütung dürfte es nicht liegen, das Einstiegsgehalt liegt bei 15,50 Euro pro Stunde, zuzüglich Nebenbezügen, 160 bis 172 Stunden fallen im Monat an. Die Ausbildung dauert zehn Monate, davon sind die ersten sieben Monate Theorie.

Frauen können genauso Lokführer werden

"Klar, ein wenig körperlich anstrengend ist die Tätigkeit, denke man an das Anhängen des Wagens an die Lok, allein der Zughaken wiegt 22 Kilo. Dennoch können Frauen genauso Lokführer werden", sagt Ausbilder und Schulleiter Thomas Kaufmann. Wer die Ausbildung beginnt, erhält eine Einstellungszusage und einen unbefristeten Arbeitsvertrag - nach erfolgreicher Prüfung. Bisher haben 87 ihre Ausbildung beendet, begonnen hatten 118.

Katrin Haesler ist von Haus aus Krankenschwester, 20 Jahre arbeitete sie in diesem Beruf. Nun schult sie um zur Lokführerin. Es ist nicht das erste Mal, dass sie im Simulator sitzt, nur selten blinkt und ertönt die Sifa-Warnung. Sifa steht für Sicherheitsfahrschaltung, das Pedal wird permanent getreten und ab und zu losgelassen. Passiert dies nicht, blinkt für 2,5 Sekunden das Sifa-Zeichen, anschließend ertönt 2,5 Sekunden eine Ansage "Sifa, Sifa". Reagiert der Lokführer nicht, wird eine Zwangsbremsung eingeleitet. Des Weiteren muss sie einen Hebel bedienen, wenn ein bestimmtes Signal an der Strecke erscheint - als Bestätigung, dass sie das Signal wahrgenommen hat. Die linke Hand liegt am Fahrschalter, die rechte an den beiden Bremsen für Lok und Zug. Der Zug, den Katrin Haesler an diesem Tag fährt, ist 400 Meter lang und wiegt insgesamt 856 Tonnen.

Chance, Arbeitslosigkeit hinter sich zu lassen

Wenn sie nun in 300 Metern Entfernung ein Hindernis auf der Gleise sehen würde, könnte sie einen Zusammenprall verhindern, will ich von ihr wissen. Sie schüttelt sofort den Kopf, nein der Bremsweg ist viel länger, meint sie. Wir schauen gebannt auf die Meteranzeige rechts von der Strecke. Der Zug war 100 km/h schnell, als Katrin Haesler die Vollbremsung auslöst. Nach 600 Metern kommt der Zug zum Stehen. "Ja, das ist eine immense Zeitverzögerung, nicht jeder kommt damit klar", sagt Frank Rudolf. In den Kursen sitzen Menschen verschiedenster Berufe. "Wir hatten auch schon einen katholischen Priester bei uns."

Die Ausbildung ist ähnlich einer Umschulung, sie kann absolviert werden, wenn derjenige eine Lehre absolviert oder als Hilfsarbeiter gearbeitet hat und dann arbeitslos wurde. Über den zweiten Bildungsweg kann er die zehnmonatige Ausbildung belegen, bekommt derweil weiterhin das Arbeitslosengeld. Finanziert wird die Ausbildung entweder vom Jobcenter, der Rentenversicherung oder der Bundeswehr – je nach dem, wo der Kursteilnehmer zuvor gemeldet war. "Die Leute kommen bei uns aus der Arbeitslosigkeit heraus, müssen aber bereit sein, sonn- und feiertags zu arbeiten", sagt Frank Rudolf. Gemeinsam mit seinem Vater Klaus Rudolf baute er das Unternehmen auf, der sich vor allem um die Zertifizierung der Ausbildung kümmerte. An der Wand hinter dem Schreibtisch hängen gerahmte Urkunden, das TÜV-Zeichen ziert die Blätter.

"Bei uns können auch gern Migranten lernen, Sprachstufe 3 ist allerdings Voraussetzung, um der Ausbildung im nötigen Umfang folgen zu können", sagt Klaus Rudolf.

Am Führerpult, das mit dem einer E-Lok Baureihe 185 vergleichbar ist, ist Katrin Haesler im Zielbahnhof angekommen. Die Bremsen sind angezogen, das Fahrtenbuch ausgefüllt. Nun geht es zurück in die Klasse ein paar Räume weiter. Dort ist sie die einzige Frau zwischen sechs Männern.


Anja Derowski / 05.02.17
Z0R0121636330