24 Stunden erreichbar

Kontakt

Die Lokführer und die Modellbahn

In Ausbildung zum Triebfahrzeugführer werden Grundkenntnisse an der Anlage in der Schmidtstedter Straße vermittelt.

16.11.2016 |

Foto: Ausbilder Thomas Kaufmann von der Firma Raildox erklärt den Lehrgangsteilnehmern Fahrstraßen, Weichenstellungen und vor allem die Signaltechnik. Einige Änderungen wurden an der Anlage vorgenommen, damit sie dem Regelbetrieb entspricht. Foto: Marco Schmidt


Erfurt. Wenn das Rotlicht blinkt, kommt das Liebespaar so richtig in Wallung. Versteckt hinter einem Baum, damit sie nicht gleich entdeckt werden.

Sie und er sind etwa einen Zentimeter groß, aus Kunststoff – und ziemlich echt. Es ist eine kleine Spielerei, natürlich. Das gehört dazu, zu einer Modellbahnanlage. Wird der Funkturm unweit des Paares über den Steuerstand aktiviert, geht die Lampe am Turm an und die Show beginnt.

Doch die Anlage kann mehr, viel mehr. Sie ist die einzige Modellbahnanlage, an der angehende Triebfahrzeugführer anschaulichen Unterricht erhalten. "Sie lernen hier nicht Lok fahren", stellt Ausbilder Thomas Kaufmannklar. "Aber zur Vertiefung der Grundkenntnisse nutzen wir diese Anlage, die nach betrieblichen Regelungen funktioniert, also dem Regelwerk wie draußen auf der Schiene entspricht."

Zehn Monate dauert der Lehrgang, knapp zwei Wochen verbringen die Lehrgangsteilnehmer an der BAG Modellbahn "Johannes Scharrer", die dem gleichnamigen Verein gehört, der seine Räumlichkeiten in der Schmidtstedter Straße 39 hat. Der Vereinsvorsitzende Karl Heinz Becker ist stolz auf diese Anlage, "die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Raildox besteht seit drei Jahren", erzählt der 81-Jährige.

323 Meter Gleislänge und mehr als 100 Weichen

Doch wie kam es dazu? Raildox-Geschäftsführer Frank Rudolf erinnert sich. "In Gotha befindet sich die staatliche Fahr- und Verkehrsschule. Sie verfügt über ein Eisenbahn-Betriebsfeld", erzählt er. "Doch dann hätten wir die Klasse jedes Mal nach Gotha schicken müssen." Also suchte er den Kontakt zu dem Verein – und fand bei den Mitgliedern offenes Gehör.

Die Anlage wurde teils erneuert. "Signaltechnik, Fahrstraßen, Durchrutschwege, Gefahrenpunkte, Weichenstellungen können hier aus der Vogelperspektive erklärt werden. Das ist besser als nur davon zu berichten oder an der Tafel ein Modell aufzumalen", berichtet Ausbilder Thomas Kaufmann. Bestimmte Definitionen, etwa was ein Bahnhof sei und was alles dazu gehöre, könnten viel praktischer erläutert werden. Das Gebäude vom Unternehmen Raildox befindet sich in direkter Nähe, so dass die Lehrgangsteil-nehmer ohne große Zeitverluste zwischen dem Schulungsraum in der Bahnhofstraße und der Modellbahn wechseln können.

Über 323 Meter Gleislänge verfügt die Anlage in der Schmidtstedter Straße, 97 einfache Weichen, 15 Kreuzweichen und 4 Dreiwegweichen ermöglichen unterschiedlichste Wege. Etwa 60 Quadratmeter ist die Anlage groß.

"Ich war früher selbst Lokführer, bei der Gestaltung dieses Modells haben wir die Landschaften, die uns täglich auf unseren Touren begegneten nachempfunden", sagt Karl Heinz Becker und zeigt auf drei Birken, die sich an der Strecke Richtung Weimarbefinden. "4200 Tannenbäume zieren die Platte, wir haben eine Seilbahn und viele kleine technische Raffinessen." Im kommenden Jahr soll die Steuerung teils digital erfolgen, eine kurze Probestrecke steht in der kleinen Werkstatt, in der Techniker Wolf Grond sein kleines Reich hat. Seit 1978 engagiert er sich im Verein, das Hobby ist ein wichtiger Teil seines Lebens. Sicherlich, es gibt auch Nachwuchs in dem Verein, "aber wir freuen uns jederzeit über neue Mitglieder", betont Karl Heinz Becker.

Anja Derowski / 16.11.16